Geistliche Impulse während der Corona-Krise:

Pfr. Gerhard Triebe, Vakanzpfarrer der St. Johannis-Gemeinde KölnBonn-Aachen, 19. März 2020

Kierkegaards Clown und Ps. 91

Liebe Gemeindeglieder, liebe Freunde der St. Johannis-Gemeinde Köln-Bonn-Aachen,

der dänische Philosoph und Theologe Søren Kierkegaard hat einmal folgende Geschichte

erzählt: Ein Reisezirkus in Dänemark war in Brand geraten. Der Direktor schickte daraufhin den Clown, der schon zur Vorstellung gerüstet war, in das benachbarte Dorf, um Hilfe

zu holen, da die Gefahr bestand, dass über die abgeernteten, ausgetrockneten Felder das

Feuer auch auf das Dorf übergreifen würde. Der Clown eilte in das Dorf und bat die Bewohner, sie mögen eiligst zu dem brennenden Zirkus kommen und löschen helfen. Aber

die Dörfler hielten das Geschrei des Clowns lediglich für einen ausgezeichneten Werbetrick, um sie möglichst zahlreich in die Vorstellung zu locken; sie applaudierten und lachten Tränen. Dem Clown war mehr zum Weinen als zum Lachen zumute. Er versuchte vergebens, die Menschen zu beschwören und ihnen klarzumachen, dass dies keine Verstellung und kein Trick sei, sondern bitterer Ernst. Sein Flehen steigerte nur das Gelächter,

man fand, er spiele seine Rolle ausgezeichnet – bis schließlich in der Tat das Feuer auf

das Dorf übergegriffen hatte und jede Hilfe zu spät kam, so dass Dorf und Zirkus gleichermaßen verbrannten.

An diese Geschichte musste ich denken, als ich über die Entwicklungen der letzten Tage

nachdachte. Ich gebe zu, dass ich vor 14 Tagen selbst noch Witze über die vermeintliche

Panikmache gemacht habe. In einer vom Alarmismus geprägten Gesellschaft ist es zum

Problem geworden, echte Warnungen vor drohenden Katastrophen zu unterscheiden von

sensationslüsterner und auflagenträchtiger Panikmache.

Die jetzige Epidemie ist tatsächlich bedrohlich. Wer den Schuss jetzt noch nicht gehört

hat, dem wird vielleicht kaum mehr zu helfen sein. Alle anderen sollten die einschlägigen

Warnungen und Mahnungen der Fachleute und Politiker/-innen beherzigen und Abstand

halten, alle verzichtbaren Sozialkontakte vermeiden und am besten zuhause bleiben. Ich

habe zuvor geschrieben, dass es dabei um den Schutz der älteren und gesundheitlich anfälligen Menschen geht. Offenbar nehmen das einige nicht ernst. Gerade Jüngere scheinen der Meinung zu sein, sie wären nicht ernsthaft gefährdet, und wenn sie Abstand zu

Älteren halten, werde schon nichts passieren. Aber es wäre doch keineswegs weniger gefährlich, wenn wir Menschen aus dem Gesundheitswesen, Personal in den Krankenhäusern und Seniorenheimen, in Arztpraxen, bei Polizei und Feuerwehr, in Supermärkten und

andere, die für unsere Sicherheit und Versorgung wesentlich sind, infizieren – auch wenn

die vielleicht nicht lebensgefährlich erkranken. Aber sie fehlen wegen der Quarantäne bei

diesen wichtigen Aufgaben! Auch darum gilt es, Abstand zu halten.

Ruhrbischof Franz Overbeck aus Essen meinte in einem Interview dieser Tage, dass angesichts geschlossener Kirchen und erzwungenem gottesdienstlichen „Fasten“ „Glaubensgespräche und gemeinsame Gebete daheim wieder eine viel größere Rolle spielen

werden als bisher“ (Rheinische Post vom 17.03.2020). Nach meiner Einschätzung sind

viele darin nicht mehr besonders trainiert. Die „geistliche Fitness“ steht bei vielen zurück

hinter der körperlichen und der Bewältigung der täglichen Aufgaben. Diese Zeit könnte

aber gerade dazu helfen, jene vernachlässigte „Fitness“ jetzt stärker zu trainieren.

Und wie kein Läufer gleich mit Langstrecken beginnt, sondern seine Belastung allmählich

steigert, so biete ich Ihnen hier einen ersten „geistlichen Spaziergang“ zum Fitwerden im

Gebet und in der Besinnung auf Gott und seine Möglichkeiten an – Psalm 91 mit der

Überschrift „Unter Gottes Schutz“:

1 Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt / und unter dem Schatten des Allmächtigen

bleibt, 2 der spricht zu dem Herrn: / Meine Zuversicht und meine Burg, / mein Gott, auf

den ich hoffe. 3 Denn er errettet dich vom Strick des Jägers / und von der verderblichen

Pest. 4 Er wird dich mit seinen Fittichen decken, / und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln. Seine Wahrheit ist Schirm und Schild, 5 dass du nicht erschrecken musst vor

dem Grauen der Nacht, / vor dem Pfeil, der des Tages fliegt, 6 vor der Pest, die im Finstern schleicht, / vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt.

9 Denn der Herr ist deine Zuversicht, / der Höchste ist deine Zuflucht. 10 Es wird dir kein

Übel begegnen, / und keine Plage wird sich deinem Hause nahen.11 Denn er hat seinen

Engeln befohlen, / dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, 12 dass sie dich auf den

Händen tragen / und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.

14 »Er liebt mich, darum will ich ihn erretten; / er kennt meinen Namen, darum will ich ihn

schützen. 15 Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören; / ich bin bei ihm in der Not, / ich

will ihn herausreißen und zu Ehren bringen. 16 Ich will ihn sättigen mit langem Leben / und

will ihm zeigen mein Heil.«

Wir machen gerade die Erfahrung, dass es Dinge in unserem Leben gibt, die wir nicht selber in der Hand haben. Unsere Möglichkeiten sind begrenzt. Doch das soll uns nicht

ängstlich machen und lähmen. Der Schutzengel aus der unsichtbaren Welt ist ein Bild dafür, dass es noch eine andere Macht gibt, die uns trägt. Die hat in Jesus Christus Gestalt

gewonnen. Als einer, der Leid und Tod durchschritten hat, verspricht er denen, die zu ihm

gehören, dass er bei ihnen ist „alle Tage bis an der Welt Ende“ (Matthäus 28,20), dass uns

nichts und niemand aus seiner Hand reißen kann (Johannes 10,28f), dass wir leben sollen, wie er lebt (Johannes 14,19).

Wir können also gewiss sein, dass wir von ihm umfangen, gehalten und getragen werden

– in Gesundheit und Krankheit, in fröhlicher Runde und erzwungenem Alleinsein, in beruflichen und wirtschaftlichen Herausforderungen und verordneter Beschäftigungslosigkeit, im

gottesdienstlichen Fasten und in den Hoch-Zeiten unseres Lebens, im Bewältigen der

Krise wie beim Abschied aus dieser Zeit und Welt.

Damit werden wir nicht durch diese Krise schweben. Aber wir werden so beschützt bleiben, dass es am Ende für uns auf jeden Fall „Leben“ heißen wird. Und vielleicht entdecken

wir sogar den einen oder anderen „Engel“ dabei – der für uns einkauft, der uns anruft und

ein gutes Wort für uns hat, der uns liebevoll und umsichtig pflegt oder uns einfach ein Lächeln schenkt. Wer mag, kann dann auch gerne abends um 9 das Fenster öffnen oder auf

den Balkon gehen und mit den anderen zusammen klatschen – aus Dankbarkeit für die,

die weiterhin ihren „Job“ für uns machen und für den , der auch durch sie für uns sorgt.

Mit herzlichen Grüßen, Ihr Gerhard Triebe, P

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